„Ich habe mich ganz bewusst für den Fotojournalismus entschieden: mir ging und geht es darum, mit meiner Kamera Geschichten zu erzählen und Themen in die Welt zu bringen, die wichtig sind, gesellschaftlich aber nicht hinreichend wahrgenommen werden. Diesen Themen wollte und will ich mit meiner Arbeit Raum verschaffen .“

Hermine Oberück in einem Interview, 2010

„Nur wenn Sie die Technik zu 100% beherrschen,
können Sie bei der fotografischen Arbeit
wirksame künstlerische Impulse setzen.

– Hermine Oberück, 2014

Die Fotografin Hermine Oberück im Gespräch *

„Frau Oberück, begreifen Sie Ihre Arbeit als Politik oder als Kunst? Was sind politische und künstlerische Aspekte Ihrer Fotografie?“

„Wenn es um die Auswahl der Themen geht, mit denen ich mich in den letzten 30 Jahren fotografisch auseinandergesetzt habe, dann sehe ich mich in erster Linie als politische Fotografin: Am Anfang meiner Laufbahn habe ich viele betriebsjournalistische Themen fotografiert und mich mit der Situation von Menschen in der Arbeitswelt beschäftigt. Ein weiteres wichtiges Thema war von Anfang an der gesellschaftliche Umgang mit geistig, körperlich oder psychisch gehandicapten Menschen, die, als ich zu fotografieren begann, noch in sog. „Anstalten“ untergebracht lebten und von „Integration“ oder „Inklusion“ weit entfernt waren. Schon damals war es mir wichtig, respektvolle und würdevolle Portraits dieser Menschen zu fotografieren – und dafür brauchen Sie natürlich die ganze Bandbreite fotografischer Technik. Nur wenn Sie die Technik 100% beherrschen, können Sie bei der fotografischen Arbeit wirksame künstlerische Impulse setzen.“

„Und wie setzen Sie diese Impulse?“

„Wenn Sie mich nach den Mitteln und Methoden fragen, mit denen ich all meine Themen „bearbeitet“, d.h. fotografisch umgesetzt habe, dann sind das natürlich immer auch Methoden künstlerischer Fotografie. Gerade auf meinen Reisen in die von den Folgen des GAUs von Tschernobyl besonders betroffenen Gebiete habe ich versucht, fotografische „Übersetzungen“ für all das zu finden, was die atomare Strahlung zerstört hat, was mit bloßem Auge aber nicht zu sehen und deshalb mit der Kamera auch nicht einfach „abzubilden“ ist.

Ansonsten beginnt fotografische Arbeit jenseits der politischen Ambitionen oder Fragestellungen immer mit der Zusammenstellung des notwendigen und passenden Handwerkszeugs: Welche Kamera ist für den geplanten Einsatz die richtige? Welchen Blitz, welche Beleuchtung, welchen Hintergrund brauche ich? Dann geht es weiter mit der Auswahl der Motive, mit dem Einsatz des Lichtes, der Auswahl der Ausschnitte und der Bearbeitung der Fotos. Früher war mein Arbeitsplatz dafür die Dunkelkammer, heute findet das alles am Computer statt.“

„Was verstehen Sie unter „respektvolle und würdevolle“ Portraits?“

„Mir war es immer wichtig, insbesondere bei der Portraitfotografie, den Portraitierten einerseits nah zu kommen, Charakteristika mit der Kamera einzufangen und zu versuchen, „das Wesentliche“ einer Person abzubilden, ihnen andererseits aber nicht zu nah zu treten: Durch meine Tätigkeit für große Wochenzeitschriften und den Evangelischen Pressedienst habe ich ja schon früh medizinjournalistische Themen, z.B. die Transplantationschirurgie, bearbeitet. Bei dieser Arbeit kommt man allen an solchen Prozessen beteiligten Menschen, den Patienten, den Ärzten und dem Pflegepersonal, auch sehr nah. Die Gefahr, Grenzen zu überschreiten, ist gerade in solchen Situationen groß. Mich hat es nie interessiert, mit meiner Kamera die Menschen zu entblößen oder gar bloß zu stellen. Mir ging es immer um Tiefgang und Tiefenschärfe und darum, dass die, die ich portraitiert habe, selbst entscheiden konnten, wie viel und vor allem was sie von sich zeigen wollten. So verstehe ich meine Arbeit: Ich eröffne einen Raum und gebe den Menschen Gelegenheit, diesen Raum zu betreten und zu füllen. Die einen schauen vorsichtig durch die Tür, die anderen stürmen gleich die Bühne. Manche sind sofort in Kontakt mit mir und der Kamera, andere brauchen dafür viel Zeit, manche öffnen sich gar nicht. Ich „zwinge“ oder „überliste“ niemanden. Deshalb gibt es in meinen Büchern und Ausstellungen so viele unterschiedliche Portraits: lachende, distanzierte, zurückhaltende, fragende…“

* Gekürzte und überarbeitete Fassung eines Interviews vom 12.04.2014: Die Fragen stellte Julia Schade an Hermine Oberück anlässlich der Eröffnung der Migrationsausstellung „Vom Wegmüssen und Ankommen“ im Historischen Museum in Bielefeld am 26.04.2014.

Bilder, die für sich sprechen – Die Bielefelder Fotografin Hermine Oberück wird 60 *

Christiane Heuwinkel, langjährige Mitarbeiterin der Kunsthalle Bielefeld, hat Hermine Oberück bei einer Ausstellungseröffnung mit der amerikanischen Fotografin Diane Arbus verglichen. Dieser Vergleich liegt nahe und trägt, hat Hermine Oberück aber trotzdem nicht gefallen.

Das hat zum einen mit ihr selbst und ihrem Verständnis von fotografischer Arbeit zu tun: Oberück ist eine Fotografin, die sich selbst als permanent in der (Weiter-)Entwicklung begriffen sieht. Infolgedessen betrachtet sie auch ihre fotografische Arbeit als einen Prozess, der nie wirklich abgeschlossen ist – und deshalb auch gar nicht „abschließend beurteilt“ werden kann.

Hinzu kommt, dass Oberücks Selbsteinordnung in fotografische Traditionen von großer Bescheidenheit geprägt ist: Ihr ging und geht es um die Menschen in ihrem Blickfeld, um das Thema und die Sache – und dahinter tritt sie, die sich selber auch eher als Journalistin denn als Künstlerin versteht, wie selbstverständlich zurück.

Zum anderen ist Hermine Oberück jemand, die für Etikettierungen welcher Art auch immer nicht zu haben ist: „Ich bin dankbar und freue mich, wenn jemand meine Arbeit beschreibt. Aber man braucht keinen anderen Namen daneben schreiben und keine Etiketten daran zu kleben. Parallelen zu anderen Fotografen müssen gar nicht sein.“ Oberück hätte an dieser Stelle noch hinzufügen können: „Denn meine Bilder sprechen für sich!“

Das tun sie – denn Hermine Oberück ist eine, die die ihr wichtigen Geschichten vor allem mit ihrer Kamera erzählt und dabei eine Vorliebe für Kontinuität und Langzeitbeobachtungen entwickelt hat.

Geboren wurde sie vor sechzig Jahren in Duisburg, seit dreißig Jahren lebt und arbeitet sie in Bielefeld. Studiert hat sie in einer Zeit, die von vielen politischen und gesellschaftlichen Aufbruchs- und Veränderungsprozessen geprägt war.

Oberücks Arbeiten spiegeln bis heute die politischen Themen, die in den siebziger und achtziger Jahren aufkamen, in den achtziger und neunziger Jahren mehr und mehr ins Zentrum der Diskussionen rückten und immer noch aktuell oder inzwischen wieder aktuell geworden sind:

  • die neue Frauenbewegung,
  • eine zunehmende Unzufriedenheit mit einer nur auf Gewinnmaximierung angelegten Wirtschaftsform,
  • die seit langem absehbare, inzwischen beginnende Überalterung unserer Gesellschaft,
  • der große deutsche Lernbedarf im Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen und mit Menschen, die auf die eine oder andere Art gehandicapt sind,
  • die Kritik an der Aufrüstung und die daraus erwachsende Friedensbeweung,
  • die Sensibilisierung für ökologische Fragestellungen und das Entstehen, Wachsen und Sich-Ausdifferenzieren grüner Politik-Impulse und
  • nicht zuletzt die berechtigte Angst vor und die Kritik an der sich ausbreitenden Atomenergie.

Mit ihrer Kamera und in vielen Langzeitprojekten hat Hermine Oberück die oben genannten gesellschaftlichen und politischen Veränderungsprozesse begleitet und reflektiert. Zu ihrem Selbstverständnis sagt sie: „Ich war immer eine politisch denkende Fotografin, d.h. eine politisch denkende Frau, die fotografiert und Themen in den Mittelpunkt stellt, die nicht registriert und teilweise auch tabuisiert wurden und werden.“

Wer sich mit ihr und ihrer Arbeitsbiographie näher beschäftigt, lernt eine Fotografin kennen, die mit beeindruckender Hartnäckigkeit daran arbeitet und dazu beiträgt, Menschen sichtbar zu machen – und zwar genau die Menschen, die in den Erfolgsgeschichtsbüchern moderner Industriegesellschaften gern übersehen wurden und werden.

In Hermine Oberücks Brust schlagen gleich mehrere Herzen: Sie ist nicht nur eine hervorragende Fotografin, sondern auch eine diplomierte Sozialwissenschaftlerin und engagierte Journalistin. Sie ist eine Meisterin genau der Tiefenschärfe, die notwendig ist, wenn Mann und Frau einen wirklichen Einblick in komplexe Themen und Zusammenhänge bekommen will. Als Journalistin bewahrt sie sich in all ihren Projekten ein Stück Objektivität und pflegt einen eher distanzierten Blick auf die Menschen und Dinge. Dadurch ermöglicht sie den Betrachtern und Betrachterinnen ihrer vielschichtigen Fotografien, den verschiedenen, in den Bildern angelegten Spuren nachzugehen und sich ein eigenes Urteil zu bilden: „Beim Fernsehgespräch wirkte Hermine Oberück ganz neutral. Sie mutet uns allen eigenes Handeln und Denken zu. Das empfinde ich als sehr positiv“, schrieb ihr eine Freundin nach einem Auftritt Oberücks als Studiogast in der „Lokalzeit-OWL“.

Aus dem Ruhrgebiet – so sagt sie selbst und lacht dabei – hat sie die Lust und die Freude daran mitgebracht, anderen Menschen und den Dingen nah zu kommen. Dabei verfügt sie über etwas, das oft beschworen, aber selten gelebt wird – über das Talent und die große Bereitschaft, nicht nur mitfühlend zu sein, sondern außerdem auch noch mitfühlend-professionell zu handeln.

Weit davon entfernt, voyeuristisch zu agieren, zeigen sich Oberücks besondere Qualitäten in ihren Nahaufnahmen menschlicher Existenz, bei denen sie nicht davor zurückschreckt, ganz genau hinzuschauen. Aber auch dort, wo sie uns allen manchmal beklemmende Bilder von behinderten oder heimatlos gewordenen Menschen zumutet oder uns in „Anstalten“ oder „Verwahr“-Einrichtungen für behinderte Menschen, in Operationssäle, Krankenzimmer oder in bedrückend ärmlich ausgestattete Wohnräume mitnimmt – immer strahlen ihre Bilder trotz aller Intimität und Betroffenheit viel Würde aus. Die Integrität der Portraitierten wird auf keinem Foto in Frage gestellt, und nie geht es um die Zur-Schau-Stellung von Opfern, sondern immer um die ambitionierte Dokumentation der Vielfalt menschlicher Existenz – zu der Leid, Angst, Verlust und eine fundamentale Ausgesetztheit nun einmal dazugehören.

All ihre bisherigen Projekte, Publikationen und Ausstellungen stellen Hermine Oberücks fotografische Fähigkeiten unter Beweis, gerade diese dunkleren und manchmal düsteren Facetten unseres Lebendig-Seins so zu beleuchten, dass eine konstruktive Auseinandersetzung auch mit „schweren Themen“ für die Betrachter und Betrachterinnen möglich bleibt.

Oberücks Fotografien zeigen oft genau das, was viele lieber nicht so genau wissen und auch nicht genau anschauen wollen. Veränderung setzt jedoch Kenntnis und Wissen voraus – und diese Kenntnis und dieses Wissen über Menschen und Themen, die nicht (oder wenn, dann eher als zur Schau gestellte Opfer) im Zentrum medialer Aufmerksamkeit stehen, vermitteln all ihre in den letzten dreißig Jahren entstandenen Arbeiten.

In dieser Zeit hat Oberück viel Zeit, Kraft, Energie und manchmal auch viel eigenes Geld in Projekte investiert, die Frauen und Männer in den Blick nehmen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen am Rande der Gesellschaft standen oder immer noch stehen: Menschen, deren Existenz bedroht ist – durch sich verändernde Lebensumstände, durch Umwelteinflüsse oder durch schwere Erkrankungen. In den Portraits, die berührend sind, ohne rührselig zu sein, lernen wir Menschen kennen, die etwas Wesentliches verloren haben und versuchen, einen würdevollen Umgang mit diesen Verlusten zu finden, z.B. mit dem Verlust von persönlicher Autonomie und Freiheit, mit dem Verlust von Heimat oder dem Verlust von Sicherheit und Geborgenheit in der Welt.

Selten ist so unprätentiös davon erzählt worden, dass tatsächlich alle Menschen Schwestern und Brüder sind. Hermine Oberücks fotografische Arbeiten machen uns mit Menschen bekannt, die ebenso gut wir selbst sein könnten: Ihre Geschichte könnte unsere eigene sein, ihr Schicksal auch uns „treffen“. Sollte dies geschehen, hätten wir in Hermine Oberück eine Chronistin und Portraitistin, der wir uns anvertrauen dürften.

Am 27. Februar wird sie 60 Jahre alt.

* Überarbeiteter Text einer Rede auf Hermine Oberück anlässlich der Veröffentlichung ihres Buches „Leben nach Tschernobyl“ im April 2010, neu veröffentlicht zu Hermine Oberücks 60. Geburtstag am 27.02.2011.